Der arme Lazarus in unserer Nähe
Kirche um 7 am 13. November 2005
Mehr Gerechtigkeit ist machbar
Kirche um Sieben zur Armut vor unserer Tür
Von Christoph Schweizer
Sonntagabend, kurz vor sieben. Der Chorraum der Michaelskirche leuchtet blau, auf die Wände werden Bilder projiziert, der Besucher taucht ein in das geheimnisvolle Licht und in die jazzigen Klänge von Keyboarder Stephan Lenz.
Licht, Bilder und Musik laden ein zu einer neuen Sicht auf das alte Gemäuer. Neue Sichtweisen auch auf "die Armut vor unserer Tür" waren das Ziel der Kirche um Sieben am Sonntag. Rund 150 Menschen waren gekommen. "Erschrocken nehmen wir die Bilder aus den französischen Vorstädten wahr", sagte Pfarrerin Dorothee Eisrich in ihrer Begrüßung. Die Gewalt breite sich in erschreckendem Maße aus, weil Menschen sich mit ihren Problemen nicht wahrgenommen fühlten. Viele fragten sich, ob so etwas auch bei uns möglich sei.
Der Waiblinger Rechtsanwalt Manfred Künzel lernt in seiner Beratungsarbeit das alltägliche Gesicht der Armut kennen. "Eine Frau kann ihre Miete nicht mehr zahlen. Ich schlage vor, in ihre Wohnung zu kommen und zu schätzen, ob die Mietforderung angemessen ist. Doch die Frau zögert: Ihr ist der Strom abgestellt worden, sie wohnt im Dunkeln und schämt sich." Dieselbe Frau müsse morgens um halb vier bei ihrer Arbeitsstelle sein. Aus besseren Zeiten hat sie noch ein Auto. Doch sie geht eine Stunde zu Fuß, um Benzinkosten zu sparen.
Martin Maier vom Diakonischen Werk Württemberg nannte in einem Kurzreferat Fakten und Hintergründe zur Armut in Deutschland. "Im Pauschalsatz für Arbeitslosengeld-II-Empfänger sind täglich 64 Cent für Fahrten mit dem Auto oder mit der Bahn vorgesehen. Sie können sich selbst ausrechnen, wie weit man für 64 Cent im öffentlichen Nahverkehr kommt."
Die gegenwärtigen Kürzungen und Reformen der Sozialausgaben seien Ergebnis einer langen Entwicklung. "Es wird von Sachzwängen und Globalisierung geredet. Doch die Globalisierung ist nur deshalb so stark, weil es seit Jahrzehnten eine Selbstentmachtung des Staates gibt." In der Diskussion um den Sozialstaat "müssen wir uns klar machen, dass wir kein armes Land sind. Deutschland ist immer noch das fünftreichste Land der Erde." Maier ist überzeugt, dass mehr Gerechtigkeit machbar ist. "Die Frage heißt nicht: wie viel Sozialstaat können wir uns leisten, sondern: welche finanziellen Ressourcen brauchen wir, um Gerechtigkeit sicherzustellen?"
Die Gesundheitsreform habe für Arme und Behinderte schlimme Auswirkungen: "Ärztliche Behandlungen werden aufgeschoben oder unterbleiben ganz." Deutliche Worte fand Maier auch zur Arbeitsmarktreform: "Die Hartz-Gesetze stellen die Mitarbeiter der Arbeitsagenturen vor unlösbare Aufgaben." Ein-Euro-Jobs lösten allenfalls kurzfristig Probleme – "spätestens nach sechs Monaten stehen sie wieder mit leeren Händen da."
Konkrete Schritte gegen Armut unternimmt der neu eröffnete Waiblinger Tafelladen. 45 Freiwillige holen Lebensmittel von Läden und Gaststätten ab und verkaufen sie an Bedürftige. "Wir haben 170 Kunden in unserer Kartei, mit steigender Tendenz", berichtete Marion Mack. "Bei aller Freude macht uns dieser Erfolg auch nachdenklich. Es gibt bei uns viele Menschen, für die es nicht selbstverständlich ist, genügend zu essen zu haben!"
Pfarrerin Dorothee Eisrich warb dafür, couragiert und hoffnungsvoll die Probleme in den Blick zu nehmen. Die Bibel sei ein Buch mit Hoffnungsgeschichten. Sie mache Mut, die sozialpolitischen Zusammenhänge nicht für unveränderbar zu halten. "Mut haben, genau hinzusehen, Sünden zu benennen, zu träumen von Gottes neuer Welt und dieser Welt entgegenzugehen – das heißt für mich glauben."