Im Ausland gewürdigt, in Deutschland umstritten
Stuttgarter Schuldbekenntnis von 1945
Es war nicht geplant, dass just an dem Oktobertag eine Delegation von führenden westeuropäischen und amerikanischen Kirchenmännern im zerbombten Stuttgart ankam, als dort der Rat der evangelischen Kirche in Deutschland zu seinem zweiten Treffen nach dem Krieg zusammentrat. Die ausländische Delegation wollte den württembergischen Landesbischof Theophil Wurm aufsuchen, um über die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit nach dem Ende der Nazi-Diktatur zu verhandeln. Es kam anders. Pfarrer Martin Niemöller, ein KZ-Überlebender, hielt in der Stuttgarter Markuskirche am Abend des 17. Oktobers 1945 eine spontane Predigt. Darin bekannte er seine Schuld, "nicht mutiger bekannt" und "nicht brennender geliebt" zu haben. In der persönlichen Begegnung der Delegationen am nächsten Tag folgten weitere deutsche Pfarrer Niemöllers Vorbild und bekannten sich zu ihrer Schuld. Den Gästen war das allerdings nicht genug, sie brauchten ein schriftliches Dokument. "Ihr müsst uns helfen, euch zu helfen", erklärte ein französischer Delegierter. So wurde über Nacht auf der Grundlage von Niemöllers Predigt das "Stuttgarter Schuldbekenntnis" verfasst. Es ist nach der Überzeugung von Dr. Hermann Ehmer "ein zentrales Dokument der neueren Kirchengeschichte – auch wenn man bezweifeln kann, ob die damals Handelnden die Tragweite der Sache abgesehen haben".
Ehmer, Direktor des Archivs der württembergischen Landeskirche und Experte in Sachen Kirchengeschichte, berichtete vor rund fünfzig Zuhörerinnen und Zuhörern in der Michaelskirche, dass das Stuttgarter Schuldbekenntnis ein geteiltes Echo fand. Im Ausland sei es sehr positiv angekommen. Die Carepakete, die amerikanische Kirchengemeinden für Nachkriegsdeutschland sammelten, seien eine Folge dieses Bekenntnisses gewesen. Viele Deutsche seien dagegen 1945 nicht reif dafür gewesen, ihre Mitschuld am Naziterror anzuerkennen.
Die anschließende, lebhafte Diskussion zeigte, dass das Dritte Reich auch sechzig Jahre nach Kriegsende heftige Emotionen wachruft. Eine Zeitzeugin berichtete von der Angst, was wohl passieren könnte, weil ihr Vater auf der Straße den Hitlergruß nicht erwidert hatte. Ein nach dem Krieg Geborener meinte dagegen: "Wenn ich sehe, wie wenig die Kirche sich um die Nöte der anderen gekümmert hat, dann habe ich meine Probleme mit dieser Kirche."
Christoph Schweizer
Weiterführende Links
Text der Stuttgarter Schulderklärung
Gedenken an Stuttgarter Schulderklärung